Angekommen im eigenen Leben
Ich denke viel nach – nicht, weil ich zu viel Zeit habe, sondern weil ich mir die Zeit nehme.
Es ist ein bewusstes Innehalten. Ein Stillwerden, ein genauer Hinschauen. Wenn die Welt leiser wird, tauchen Fragen auf, die mich lange begleiten – manchmal über Jahre.
Was soll all das hier? Warum bin ich genau jetzt und genau so da? Warum gestalte ich mein Leben auf diese Weise? Und warum spüre ich so viel und hinterfrage so oft Dinge, die andere nicht einmal bemerken?
Diese Fragen begleiten mich, seit ich denken kann. Schon in der Pubertät begann ich, Dinge anders zu sehen und zu fühlen. Doch nach außen war ich angepasst. Nicht, weil ich das so wollte – sondern aus Angst. Angst, aufzufallen. Angst, falsch zu sein. Angst, nicht dazuzugehören. Also tat ich, was viele tun: Ich passte mich an und stellte meine Intuition leise in die Ecke. Doch in mir war immer diese zarte Stimme: „Mach das mal anders. Das fühlt sich nicht stimmig an.“
Lange habe ich sie überhört. Aber sie blieb. Und irgendwann begann ich, ihr leise zu folgen.
Zuerst nur in kleinen Schritten. Etwas anders machen, still und unspektakulär. Nicht rebellisch, nicht provokant – einfach nur authentischer. Und je öfter ich auf mein Bauchgefühl hörte, desto mutiger wurde ich. Als mein Beruf mich nicht mehr erfüllte, wusste ich, dass es so nicht weitergeht. Also habe ich noch einmal neu angefangen – trotz Stirnrunzeln, trotz Unverständnis. Ein Philosophiestudium, einfach weil es mich bewegte. Nicht, um damit etwas „Sinnvolles“ zu tun, sondern weil mein Herz dort hinging.
Und wieder: Niemand verstand es.
Und wieder: Es war richtig.
Dass ich das Studium irgendwann abgebrochen habe, war kein Fehler. Es war ein Teil des Weges, kein Endpunkt. Ich fand den Beruf, den ich bis heute mit Überzeugung ausübe. Ein Weg, den ich über Umwege gefunden habe – aber vielleicht nur deshalb, weil ich mir erlaubt habe, anders zu sein.
Später kam eine Zeit, die mich tiefer geprüft hat. Eine Diagnose, Medikamente, klare Empfehlungen. Alles logisch, alles medizinisch korrekt. Und doch war da dieses Bauchgefühl, das scharf und deutlich sagte: „Das ist nicht dein Weg.“ Also habe ich ihn nicht genommen. Ich ließ mir Zeit, suchte andere Wege, hörte auf meinen Körper – und diesmal auch ohne schlechtes Gewissen.
Wenn ich heute auf meinen Lebensweg schaue, wirkt er vielleicht manchmal ungewöhnlich. Nicht immer planbar. Und ja – es gab Phasen, die eng waren, unsicher, unbequeme Zwischenräume. Aber seltsamerweise hatte ich selten das Gefühl: Ich schaffe das nicht. Ich war nie völlig verloren. Vielleicht, weil ich tief drinnen spürte: Das hier ist mein Weg. Mit allen Umwegen, Brüchen, Höhen und Tiefen. Perfekt muss er nicht sein. Stimmig aber schon – für mich.
Eine Träumerin