Letzten Sonntag war Internationaler Frauentag. An diesem Tag tauchen viele Stimmen auf, viele Geschichten, viele Erfahrungen. Mir ist dabei wieder ein Text eingefallen, der vor einiger Zeit weltweit geteilt wurde: der Monolog von America Ferrera im Film Barbie.
 
Der Monolog bringt etwas auf den Punkt, das viele Frauen kennen: den Druck widersprüchlicher Erwartungen. Ferrera beschreibt, wie Frauen gleichzeitig alles sein sollen – stark und sanft, ehrgeizig und bescheiden, erfolgreich und immer für andere da. Dünn, aber nicht zu dünn. Selbstbewusst, aber bitte nicht zu dominant. Karrierefrau, Mutter, verständnisvoll, attraktiv – und das alles möglichst gleichzeitig, möglichst perfekt.
Der Text ist kämpferisch, anklagend, emotional zugespitzt. Er bleibt im Gedächtnis, gerade weil er diese innere Spannung so deutlich ausspricht. Man spürt darin ein echtes Unbehagen: das Gefühl, sich ständig verbiegen zu müssen.
Als ich darüber nachdachte, kam mir ein ganz anderer Satz in den Sinn. Ein Satz aus dem Musical My Fair Lady. Darin singt Professor Higgins: „Why can’t a woman be more like a man?“ – Warum kann eine Frau nicht mehr wie ein Mann sein?
Natürlich ist das ironisch gemeint. Higgins versteht Frauen nicht – und statt darüber nachzudenken, wünscht er sich einfach, sie wären wie Männer. Trotzdem ist die Frage interessant. Nicht weil Frauen wirklich wie Männer sein sollten. Sondern weil sie einen Unterschied sichtbar macht.
Wenn wir ehrlich sind, gelten für Männer und Frauen oft unterschiedliche Maßstäbe.
Männer dürfen alt werden.
Frauen sollen jung bleiben.
Männer dürfen ehrgeizig sein.
Bei Frauen wirkt Ehrgeiz schnell unsympathisch.
Männer dürfen wenig über Gefühle reden.
Von Frauen erwartet man, dass sie emotionale Konflikte lösen.
Männer dürfen Karriere machen.
Frauen sollen Karriere machen – und gleichzeitig Fürsorge, Harmonie und Beziehungspflege übernehmen.
Das sind keine festen Regeln, aber es sind Erwartungen, die noch immer im Raum stehen.
Manchmal zeigt sich das auch im Alltag – auf eine fast komische Weise.
Da steht ein Mann vor dem Spiegel. Ein wenig in die Jahre gekommen. Die Muskeln nicht mehr ganz so straff, ein leichter Bauchansatz. Er schaut sich an, kratzt sich gemütlich am Bauch – und denkt: Alles bestens.
Und wir Frauen?
Wir können erstaunlich gnadenlos mit uns selbst sein. Wir übersehen keinen Makel. Eine Falte wird zum Krater, ein Pickel zum Vulkan. Manche Frauen schauen gar nicht mehr gern in den Spiegel, weil der Blick zu kritisch geworden ist.
Ich ertappe mich selbst dabei. Jeden Morgen begutachte ich meine Silberfäden im Haar und hoffe insgeheim, dass der Zeitpunkt, an dem ich sie färben muss, noch möglichst weit entfernt liegt.
Warum eigentlich?
Warum dürfen Frauen keine grauen Haare haben?
Warum sollen Frauen mit sechzig aussehen wie vierzig?
Diese Fragen tauchen immer wieder auf. Manchmal auch in politischen Zusammenhängen. Ich erinnere mich noch gut an einen Zeitungsartikel nach der verlorenen Präsidentschaftswahl von Hillary Clinton gegen Donald Trump.
Ein Argument lautete damals: Clinton sei zu ehrgeizig gewesen – und das habe sie unsympathisch gemacht. Der Ehrgeiz von Trump dagegen wurde von manchen als Stärke wahrgenommen.
Dass Ehrgeiz bei Männern beeindruckend und bei Frauen problematisch wirken kann – diese unterschiedliche Wahrnehmung sagt vielleicht mehr über unsere Erwartungen aus als über die Menschen selbst.
Und manchmal ertappe ich mich bei einem ganz anderen Gedanken.
Einem leicht ketzerischen vielleicht.
Ich frage mich nämlich manchmal: Warum können wir Frauen nicht ein kleines bisschen von der Selbstherrlichkeit mancher Männer haben?
Dieses Selbstbewusstsein hätte ich manchmal gern. Dieses Selbstverständnis, mit dem manche Männer durchs Leben gehen. Viele wirken, als sei es völlig selbstverständlich, dass ihnen das Beste zusteht. Sie bewerben sich auf Jobs, obwohl ihnen ein Teil der Qualifikationen fehlt – und denken: Das kann ich schon lernen.
Sie wünschen sich eine wunderschöne Frau an ihrer Seite, auch wenn sie selbst nicht gerade wie ein Adonis aussehen.
Sie gehen mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit davon aus, dass sie Erfolg haben werden.
Manchmal beneide ich sie fast darum.

 

Ich würde auch gern Kritik so leicht abschütteln können wie manche Männer.
Und wenn ich einmal ein Lob bekomme, würde ich es gern nicht sofort relativieren. Nicht gleich sagen: „Ach, das war doch nichts.“
Vielleicht würde ich einfach einen halben Meter wachsen, das Lob annehmen – und gleich die nächste Beförderung einfordern.
Ja, warum kann ich nicht so sein wie ein Mann?
Manches wäre bestimmt einfacher.
Aber vielleicht geht es gar nicht darum, wie Männer sind oder wie Frauen sein sollen.
Vielleicht wäre es schon ein Fortschritt, wenn jeder einfach Mensch sein dürfte.
Ein Mensch darf älter werden.
Ein Mensch darf ehrgeizig sein oder ruhig.
Ein Mensch darf stark sein oder verletzlich.
Ein Mensch darf Erfolg haben oder scheitern.
Und vielleicht wäre es sogar befreiend, wenn wir ein wenig freundlicher mit uns selbst umgehen würden.
Selbst dann, wenn uns am Morgen im Spiegel ein neues graues Haar begrüßt.
Eine Träumerin