Fasten mit den Wüstenvätern
In dieser Fastenzeit begleiten mich die Wüstenväter. Keine leichte Lektüre. Ihre Sätze sind knapp, fast spröde – und doch brennen sie. Einer von ihnen war Antonius. Achtzehn Jahre alt hört er im Gottesdienst einen Satz aus dem Evangelium: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz, gib das Geld den Armen … dann folge mir nach.“ Man kann solche Worte überhören. Antonius nicht. Er verkauft, was er hat, verschenkt das Geld und geht in die Wüste.
Zunächst zieht er sich in eine verlassene Festung zurück. Mauern aus Stein – und dahinter ein junger Mann mit sich selbst. In der Stille treten die Stimmen hervor, die der Alltag sonst überdeckt: Angst, Versuchung, dunkle Gedanken. Die Wüste wird zum Ort der Wahrheit. Zwanzig Jahre hält er aus. Als er die Festung wieder verlässt, gilt er als innerlich geklärt, gesammelt, freundlich. Seine Botschaft ist einfach: Das Himmelreich liegt nicht fern. Es ist im Inneren zu suchen.
Der Weg dorthin führt über die ehrliche Selbstbegegnung.
Diese Spur bewegt auch mich.
Meine Wüste ist keine Landschaft aus Sand und Felsen. Sie liegt nicht unter einer brennenden Sonne. Sie beginnt in der Stille meines Zimmers.
In der diesjährigen Fastenzeit habe ich beschlossen, mich zurückzuziehen und mehr zu Hause zu bleiben. Ich möchte die äußeren Reize reduzieren – so wie einst die Wüstenväter. Vierzig Tage in einer wirklichen Wüste zu verbringen, das wäre allerdings nichts für mich. Ich bin kein Abenteuertyp. Wochenlang im Schlafsack auf einem Autodach, eintöniges Essen, dieselben Gesichter, eine Landschaft, die sich endlos vorbeischiebt – das würde mich schneller an meine Grenzen bringen, als mir lieb ist.
Ich ahne, welche Dämonen dort auf mich warteten: Ungeduld. Selbstmitleid – warum habe ich mir das freiwillig angetan? Die Angst, zu kurz zu kommen („Warum bekommt der mehr Wasser?“). Vielleicht sogar ein dramatischer Gedanke an Entführung und Lösegeld – meine innere Dramaqueen ist erstaunlich kreativ.
Auch ohne Sand unter den Füßen kenne ich meine Dämonen. Manchmal nenne ich sie den „inneren Schweinehund“, doch dahinter steckt mehr. Trägheit zum Beispiel. Auf Süßes kann ich verzichten. Schwieriger wird es, wenn es den Komfort betrifft – etwa das Auto. Sobald es unbequem wird – Regen, schwere Tasche, Müdigkeit – flüstert es: „Nimm doch den Wagen.“ Und ich steige ein.
Die Wüstenväter sprechen nüchtern über solche inneren Bewegungen. Von vielen sind kurze, prägnante Sprüche überliefert. Altvater Poimen riet: „Lehre deinen Mund sprechen, was in deinem Herzen ist.“ Und: „Den Nächsten belehren sollte nur, wer über einen gesunden Menschenverstand verfügt und seine Leidenschaften im Griff hat. Denn was für einen Sinn hätte es, das Haus eines anderen zu bauen, während das eigene in Trümmern liegt?“ Ihre Weisheit ist konkret.
Ich bleibe in meinem geschützten Zuhause. Die Herausforderung liegt nicht im Entzug aller Sicherheit, sondern im bewussten Verzicht auf Zerstreuung. Allein im Zimmer zu bleiben heißt für mich: keine Flucht in Bildschirm und Geräusche. Es heißt, still zu werden und wahrzunehmen, was aufsteigt – Gedanken und Gefühle, die sonst übergangen werden.
Doch so einfach wird es nicht. Das habe ich in der letzten Woche gemerkt. Ich höre gern Radio, wenn ich mit dem Auto fahre. Seit Aschermittwoch bleibt es still im Wagen. Und schon gehen meine Gedanken auf Reisen. Ich schreibe innerlich Teile meiner Vergangenheit fort oder entwerfe Zukunftsbilder. Sobald ich mich dabei ertappe und versuche, ins Hier und Jetzt zurückzukehren, geschieht etwas anderes: Ich ärgere mich über die anderen Autofahrer. Sie fahren rücksichtslos, machen Fehler, sind zu langsam oder zu schnell.