Im Spätsommer meines Lebens

Neulich habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich auch nicht mehr die Jüngste bin. Dieser Gedanke kam nicht plötzlich und auch nicht dramatisch, er hat sich eher leise eingeschlichen. So wie man irgendwann merkt, dass man beim Schuheanziehen lieber sitzt. Nicht weil es nicht mehr anders ginge – aber weil es einfach angenehmer ist.
Mein Geburtstag naht, und mit ihm diese seltsame Mischung aus Dankbarkeit und leichter Irritation darüber, wie schnell Zeit eigentlich vergeht. Früher habe ich die Augen verdreht, wenn ältere Menschen sagten: „Die Jahre vergehen wie im Flug.“ Heute denke ich: Sie hatten recht. Leider.

Der nächste runde Geburtstag steht schon am Horizont. Sechzig. Eine Zahl, die sich früher nach „sehr alt“ angehört hat und heute eher nach „gut gereift“ klingen sollte. Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, stelle ich fest: Der fünfzigste Geburtstag hat bei vielen Spuren hinterlassen. Bandscheibe, Schulter, Knie, Zähne, Wechseljahre – irgendwo zwickt es immer. Die Gespräche haben sich auch verändert. Früher ging es um Urlaube, Kinder, Pläne, heute geht es um Physiotherapie, gute Orthopäden und die Frage, welche Matratze wirklich rückenfreundlich ist.
Man wird langsamer, das stimmt. Aber was kaum jemand sagt: Man wird auch genauer. Ich brauche heute vielleicht länger für manche Dinge, aber dafür mache ich sie ordentlicher. Früher habe ich drei Dinge gleichzeitig gemacht, heute mache ich eine Sache – und die dafür richtig. Das ist auch eine Form von Fortschritt, rede ich mir ein.
Was allerdings wirklich stimmt: Man wird schneller müde. Früher bin ich spät ins Bett und früh wieder auf. Heute gehe ich manchmal früh ins Bett und bin trotzdem müde. Der Körper hat offenbar ein Eigenleben entwickelt. Auch die Regeneration dauert länger. Und der Schlaf ist manchmal eine Diva: Er kommt, wann er will, aber nicht unbedingt dann, wenn ich ihn bestellt habe.
Ich glaube tatsächlich, dass man im Alter die Quittung bekommt – für vieles, was man getan hat, und auch für manches, was man nicht getan hat. Zu wenig Bewegung, zu viel Stress, zu wenig Schlaf, zu viel Sitzen. Der Körper vergisst nichts. Das Alter kann einem deshalb schon manchmal wie eine Drohung vorkommen: Krankheiten, Schmerzen, Vergesslichkeit, Falten, graue Haare. Meine Oma sagte immer: „Alt werden ist nichts für Weicheier.“ Und Loriot meinte: „Altern ist eine Zumutung.“ Ich fürchte, sie hatten beide Humor – und recht
Aber – und das ist die gute Nachricht – es gibt auch eine andere Seite. Ich werde gelassener. Vieles ist mir einfach nicht mehr so wichtig. Ich muss nicht mehr überall dabei sein, nicht mehr alles beweisen, nicht mehr allen gefallen. Das ist eine große Freiheit.
Man nennt uns jetzt „Best Ager“. Ein merkwürdiger Begriff, aber vielleicht ist etwas Wahres dran. Ich sehe es bei Freunden: Wer auf sich achtet, halbwegs gesund lebt, sich bewegt und neugierig bleibt, kann eine richtig gute Zeit haben. Reisen, neue Hobbys, vielleicht eine Sprache lernen, mehr Zeit für Menschen, die man gern hat. Die besten Jahre fallen einem allerdings nicht in den Schoß. Man muss schon ein bisschen etwas dafür tun – leider hilft Jammern allein nicht.

Ich habe vor Kurzem gelesen, dass Frauen durchschnittlich 84,8 Jahre alt werden. Was mich allerdings mehr beeindruckt hat: Die wirklich gesunden Jahre liegen nur bei etwas über 61. Dieser Satz hat mich erschreckt. Und er hat mich wachgerüttelt. Ich habe beschlossen, dass ich die letzten Jahre meines Lebens nicht hauptsächlich im Wartezimmer von Ärzten verbringen möchte.
Also brauche ich – natürlich – einen Plan. Ich bin ein Mensch mit Plan. Ich habe meist auch einen Plan B und einen Plan C. Mein Plan fürs Älterwerden ist eigentlich ganz einfach: bewegen, halbwegs vernünftig essen, neugierig bleiben, Pausen machen, weniger Bildschirm, mehr Bücher, weniger Ärger, mehr Gelassenheit.
Ich lasse öfter das Auto stehen und gehe zu Fuß. Ich nehme die Treppe. Ich schreibe Tagebuch, weil mir das hilft, meine Gedanken zu sortieren und mein Leben besser zu verstehen. Ich gehe zur Physiotherapie und zur Massage – nicht nur, weil es notwendig ist, sondern auch, weil es sich anfühlt wie ein kleiner Urlaub.
Ich versuche, mehr Qualität in mein Leben zu bringen. Weniger müssen, mehr wollen. Weniger Lärm, mehr Ruhe. Weniger „man sollte“, mehr „ich möchte“.
Und wenn ich ehrlich bin: Ich bin heute zufriedener als mit zwanzig. Damals hatte ich weniger Falten, aber auch weniger Gelassenheit. Heute kenne ich mich besser, ich weiß besser, was mir guttut und was nicht.
Vielleicht ist das Älterwerden also nicht nur eine Zumutung. Vielleicht ist es auch eine Einladung. Eine Einladung, langsamer zu werden, bewusster zu leben, freundlicher mit sich selbst zu sein.
Und vielleicht besteht die Kunst des Älterwerdens einfach darin, rechtzeitig anzufangen, gut für sich zu sorgen – körperlich, geistig und seelisch. Und sich dabei den Humor zu bewahren.
Denn wenn man schon älter wird, dann kann man wenigstens versuchen, dabei ein angenehmer Mensch zu bleiben. Am besten einer, der seine Lesebrille sucht und feststellt, dass er sie schon auf der Nase hat.
Eine Träumerin