Nicht alles, was ich denke, ist wahr

Der Mensch hält seine gedankliche Realität oft für echter als seine sinnliche Realität. Das ist ungefähr so, als würde man glauben, die Speisekarte sei nahrhafter als das Essen selbst. Ein fataler Fehler – und doch machen wir ihn täglich, meist schon vor dem ersten Kaffee.
Denn in der sinnlichen Realität passiert erstaunlich wenig. Würde man mein Leben filmen, wäre das kein Kassenschlager. Ich sitze, stehe, gehe, schneide Gemüse, steige Treppen. Ab und zu suche ich hektisch meine Schlüssel – dramaturgischer Höhepunkt. Wirklich gefährlich wird es selten. Aber zum Glück (oder leider) lebe ich nicht dort. Ich lebe in meinem Kopf. Und dort ist immer etwas los: Drama, Träume, Rückblenden, Zukunftsvisionen, innere Monologe mit hohem Pathos. In meiner gedanklichen Realität gibt es kein Gegenüber, nur Interpretationen und Bewertungen. Und vor allem: immer ein Problem.
 
Um mich herum kann alles wunderschön sein – Sonne, Bäume, Stille – aber wenn mein Kopf gerade damit beschäftigt ist, ein Gespräch von 2009 neu hochzuladen, dann sehe ich davon nichts. So verbringen wir einen Großteil unseres Lebens damit, uns um Dinge zu sorgen, die außerhalb unseres Verstandes gar nicht existieren. Willkommen im Illusionskino. Eintritt frei, Ausstieg schwierig.
Ich möchte nicht dauerhaft in dieser Illusion leben. Deshalb meditiere ich. Nicht, um meine Gedanken loszuwerden, sondern um ihnen nicht alles zu glauben. Meditation lehrt mich, dass Gedanken kommen und gehen – und dass ich nicht mit ihnen identisch bin. Dass da ein Raum ist, in dem sie auftauchen, ohne regieren zu müssen. Und dass auch das, was ich mein Ego nenne, nur eine Stimme unter vielen ist.
Ich ziehe mich täglich für eine halbe Stunde zurück. Jede Woche versuche ich mir einen halben Tag zu schenken. Und einmal im Jahr eine längere Zeit des Rückzugs, meist zu Beginn des neuen Jahres. Eine Schweigewoche. Ein Innehalten, bevor sich alles wieder in Bewegung setzt. Dieses Jahr war eine ganze Woche nicht möglich. Also blieb ich drei Tage lang in meiner eigenen Wohnung.

 
Ich meditierte. Ich übte Yoga in Achtsamkeit. Ich atmete. Ich ging spazieren. Und ich versuchte, den Alltag nicht zu überspringen, sondern ihn zu bewohnen. Ich duschte und wusste, dass ich dusche. Ich stieg Treppen und war da. Ich schnitt Gemüse, wusch Geschirr, hörte auf das Geräusch des Wassers. Nichts Besonderes. Und gerade darin vollständig.
In meiner Meditationsausbildung lernte ich einen einfachen und zugleich herausfordernden Satz: JETZT ist immer die richtige Zeit – denn es ist die einzige. Und doch ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich durch die Gegenwart eile, in der Hoffnung, später werde es besser. Noch häufiger verweile ich in der Vergangenheit. Ich halte alte Kränkungen lebendig, ärgere mich heute noch über Worte von gestern – oder von vor vielen Jahren. Ich rufe Erinnerungen bewusst ab, denke darüber nach, erzähle sie weiter und erzähle mir dabei auch meine eigenen Fehler immer wieder neu. Es ist, als müsste ich diese Geschichten pflegen, damit sie nicht verloren gehen. Das ist Masochismus pur – und ich fürchte, ich bin damit nicht allein.
Der Unterschied: Mir fällt es inzwischen auf. Und dann kann ich gegensteuern.
In der Gegenwart gibt es nur das Sein. Keine Geschichte, kein Vorher, kein Nachher. Neurowissenschaftler sagen, die Gegenwart dauert etwa drei Sekunden. Kein Wunder, dass sie uns so leicht entwischt. Vergangenheit und Zukunft hingegen sind großzügig. Die eine wird ständig länger, die andere lockt permanent.
Und irgendwo dazwischen vergessen wir das Jetzt – den einzigen Ort, an dem das Leben tatsächlich stattfindet.
Mein Mantra für dieses Jahr bringt es für mich gut auf den Punkt. Es stammt von Jon Kabat-Zinn:
„Lebe nicht für den Moment, sondern in ihm.“
Manchmal gelingt es mir.
Dann ist nichts zu lösen.
Nichts zu erreichen.
Dann bin ich einfach da.
Eine Träumerin