Nichts geht über selbst gemacht!

Es gibt Texte, die liest man – und merkt erst später, dass sie noch immer da sind. Sie begleiten einen beim Tee, beim Blick aus dem Fenster, vielleicht sogar beim Griff zu den Wollsocken. So ging es mir mit einem Artikel über das Stricken. Ein Thema, das mir eigentlich fernliegt – meine handwerklichen Talente halten sich in sehr überschaubaren Grenzen –, und doch ließ mich dieser Text nicht los.
„Die Fähigkeit, mit einfachen Werkzeugen komplexe und schöne Dinge zu schaffen, ist nicht trivial – sie ist ein Akt der Selbstbestimmung.“ Je länger ich über diesen Satz nachdachte, desto mehr begann er zu wirken. Selbstbestimmung verbinden wir oft mit großen Entscheidungen. Mit Lebensplänen, Freiheit, Unabhängigkeit. Und plötzlich taucht sie ganz unspektakulär auf: in Wolle, Nadeln und geduldigen Händen
Stricken, so beschreibt es der Artikel, gibt uns ein Stück Autonomie zurück. Es ist die Erfahrung, etwas selbst erschaffen zu können. Etwas, das bleibt. Der Philosoph Ivan Illich spricht von „konvivialen Werkzeugen“: Werkzeuge, die dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Stricknadeln sind dafür ein Paradebeispiel. Sie sind einfach, langlebig, vielseitig – und sie verlangen nichts außer Zeit, Aufmerksamkeit und ein bisschen Geduld.
Vielleicht ist es das, was mich so berührt: das Tempo. Oder besser gesagt, die Abwesenheit von Tempo. Ein gestricktes Kleidungsstück entsteht nicht nebenbei. Es wächst langsam, Masche für Masche. Diese Langsamkeit, so der Text, ist kein Mangel, sondern ein Wert.
In einer Welt der schnellen Verfügbarkeit wirkt sie fast schon trotzig. Byung-Chul Han nennt unsere Gegenwart eine „Müdigkeitsgesellschaft“ – immer beschäftigt, selten wirklich erfüllt. Stricken dagegen erschöpft nicht. Wiederholte Bewegungen, Rhythmus, Konzentration.  Es sammelt. Es bündelt. Es erlaubt dieses besondere Versinken, das der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi „Flow“ nennt: jenen Zustand, in dem man ganz bei der Sache ist und die Zeit ihre Bedeutung verliert. Wer strickt, kennt dieses Versinken, dieses ruhige Dabeisein.
Ich selbst kenne es eher vom Zuschauen. Und vom Dankbarsein. Dieses Weihnachten etwa habe ich selbstgestrickte Haube, Handschuhe und Socken bekommen – Geschenke, die nicht nur wärmen, sondern eine Geschichte mitbringen. Und ja: Bei den eisigen Temperaturen haben sie mir hervorragende Dienste erwiesen.
Meine eigene Feinmotorik bleibt überschaubar. Umso größer ist mein Glück, dass es in meinem Umfeld Menschen gibt, die mein Unvermögen großzügig ausgleichen. Da ist die eine, die Torten so verziert, dass man sie kaum anschneiden möchte. Der andere, der zuverlässig auftaucht, sobald etwas repariert werden muss. Eine Freundin, die mir zu Weihnachten einen selbstgenähten Yogabolster schenkte. Und dann diese kleinen Schätze – Gläser mit Marmelade, eingelegtes Gemüse –, die zeigen, dass sich Zeit nicht nur investieren, sondern auch weitergeben lässt.
Ich selbst werde vermutlich keine Stricknadeln mehr in meine Hände nehmen. Aber vielleicht ist das gar nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass es Menschen in meinem Leben gibt, die mit ihren Händen Dinge schaffen – und sie teilen. Gerade weil ich es nicht kann, spüre ich den Wert umso stärker. Jedes selbstgemachte Stück ist für mich ein stiller Beweis von Aufmerksamkeit, Zeit und Zuneigung. Und vielleicht ist Dankbarkeit ja auch eine Form von Handwerk.
Eine Träumerin