Wenn das Jahr zu Ende geht
Zwischen Weihnachten und Neujahr verliert das Jahr seine Eile – und wir mit ihm.
Man erzählt sich, dass sich in den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig die Schleier lichten. Dass das, was sonst verborgen bleibt, für einen Augenblick sichtbar wird. Ob man an die Raunächte glaubt oder nicht: Etwas an diesen Tagen lädt dazu ein, genauer hinzusehen. Nach innen vor allem. Vielleicht ist es weniger die Anderswelt, die sich öffnet, als unsere eigene Innenwelt, die leiser wird und dadurch hörbar.
Seit Jahrhunderten gelten diese Nächte als Zeit der Einkehr, ein Übergang, in dem Altes sich lösen darf und das Neue noch keinen Namen trägt. In manchen Häusern zieht der Rauch von Kräutern durch die Räume – nimmt mit, was gehen soll, und schafft Platz für das, was bleiben darf. Vielleicht ist das Bild stärker als das Ritual selbst: Nicht alles muss mit ins neue Jahr. Nicht jede Last, nicht jede Enttäuschung, nicht jede alte Geschichte. Und zugleich dürfen wir einladen, was wir brauchen – Schutz, Zuversicht, ein wenig Mut für das Ungewisse.
Und doch bleibt da dieser beinahe kindliche Wunsch: ein Blick in die Zukunft. Wir würden so gern wissen, wie es wird – dieses neue Jahr. Was es von uns verlangt. Was es uns schenkt. Welche Türen sich öffnen, welche sich endgültig schließen. Prognosen versprechen Sicherheit, Rituale Halt. Aber vielleicht geht es in diesen Tagen um etwas anderes: um Selbstehrlichkeit.
Der Dichter Erich Fried stellte Fragen, die nicht trösten, sondern aufrichten, weil sie nichts beschönigen. Fragen wie:
Wie groß ist mein Leben?
Wie tief?
Was kostet es dich?
Bis wann zahlst du?
Wie viele Türen hat es?
Wie oft hast du ein neues Leben begonnen?
Es sind Fragen, die man nicht zwischen Tür und Angel beantwortet. Sie verlangen Stille. Mut. Und die Bereitschaft, sich selbst nicht auszuweichen. Vielleicht sind sie wertvoller als jede Prognose, weil sie uns nicht sagen, was kommt – sondern wer wir sind.
Und darin liegt womöglich mehr Zuversicht für das neue Jahr als in jeder Vorhersage. Denn was hinter uns liegt und was vor uns liegt, ist klein im Vergleich zu dem, was in uns liegt, wie Ralph Waldo Emerson schreibt. Zwischen den Jahren dürfen wir uns daran erinnern.
In diesem Sinn wünsche ich euch ein gutes, ehrliches und erfülltes neues Jahr.
Eine Träumerin
PS: Den nächsten Blogartikel gibt es am 1. Februar 2026.