Was wir unseren Kindern wirklich vorleben


Es gibt Momente im Urlaub, da wird das Hotelrestaurant zur Bühne für ein kleines Theaterstück. Anfangs schmunzelt man darüber. Und manchmal bleibt einem das Lachen später im Hals stecken.
Meine Freundin und ich saßen gerade gemütlich beim Abendessen, als am Nebentisch eine junge Familie Platz nahm. Wir ahnten noch nicht, dass wir unfreiwillig zu Zuschauerinnen eines Schauspiels werden würden, das uns noch lange beschäftigen sollte.
Das jüngste Familienmitglied widmete sich seinem Abendessen mit großem Forscherdrang. Allerdings nicht auf dem Teller. Das Essen wurde mit erstaunlicher Hingabe auf dem Tisch verteilt, sorgfältig zerdrückt, befühlt und untersucht. Nach wenigen Minuten erinnerte die Tischplatte eher an ein modernes Kunstwerk als an einen Essplatz.
Währenddessen testeten die beiden älteren Geschwister die Flugeigenschaften ihrer Nudeln. Offenbar mit Erfolg. Nach vier Bissen verkündete die Fünfjährige mit fester Überzeugung: „Ich will jetzt ein Eis!“
Anstatt eine Grundsatzdiskussion zu starten, ließ der Vater sein eigenes, noch warmes Essen stehen und sprintete los. Er erkaufte den elterlichen Frieden mit einer Kugel Schokoeis.
Meine Freundin und ich sahen uns an. Ohne ein Wort zu sagen, wussten wir beide, was die andere dachte. Zu unserer Zeit hätte es geheißen: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ Aber wer will es dem erschöpften Vater verübeln? Vielleicht wollte er in diesem Moment einfach nur, dass wieder Ruhe einkehrt. Ein klassisches Eigentor aus Erschöpfung – und doch so menschlich.
Eltern stemmen heute unglaublich viel. Beruf, Familie, Termine, Erwartungen – und im Urlaub soll dann endlich alles harmonisch sein. Wenn ein Konflikt entsteht, sucht man oft nicht mehr nach der besten pädagogischen Lösung. Man wünscht sich einfach fünf Minuten Ruhe.
Am nächsten Morgen saßen wir wieder beim Frühstück. Meine Freundin und ich warfen uns schon beim Betreten des Speisesaals einen kurzen Blick zu. Ob unsere kleine „Urlaubsserie“ wohl in die nächste Runde gehen würde?
Sie ging.
Eine andere Familie hatte sich an den Tisch gesetzt, an dem die kleine Familie tags zuvor abendgegessen hatte. Kaum betrat das Mädchen den Speisesaal, blieb es stehen.„ Das ist mein Platz!“ Die andere Mutter erklärte freundlich, dass sie heute eben etwas früher gewesen seien. Was dann folgte, entwickelte sich schneller, als man seinen Kaffee umrühren konnte.
Das Mädchen beschimpfte die fremde Frau in einer Wortwahl, die mich überraschte. Innerhalb weniger Sekunden mischten sich die Eltern ein. Vier Erwachsene, die eigentlich Erholung suchten, schrien sich im stilvollen Ambiente eines Vier-Sterne-Hotels an wie Teenager auf dem Schulhof.
Meine Freundin und ich saßen wie erstarrt da. Der Bissen blieb uns buchstäblich im Hals stecken. Ich hätte nie gedacht, dass ein Frühstückstisch Auslöser für einen solchen Streit werden könnte. Was uns am meisten erschütterte, war jedoch nicht der Anlass, sondern wie schnell aus einer Kleinigkeit ein handfester Konflikt wurde.
 
Als wir später unsere Koffer ins Auto luden, ließ mich diese Szene nicht los. Nicht, weil ich glaube, dass Eltern heute alles falsch machen. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, die meisten geben jeden Tag ihr Bestes. Und wahrscheinlich hat jeder von uns schon Situationen erlebt, auf die er im Nachhinein gern anders reagiert hätte.
Aber eine Frage blieb. Was leben wir unseren Kindern vor?
Kinder hören zwar auf unsere Worte. Noch viel stärker aber beobachten sie unser Verhalten. Sie lernen, wie wir mit Enttäuschungen umgehen. Wie wir Konflikte lösen. Ob wir warten können. Ob wir respektvoll bleiben, wenn uns jemand widerspricht.
Vielleicht beginnt Erziehung viel früher, als wir denken. Nicht bei den großen Gesprächen über Werte. Sondern in den kleinen Situationen des Alltags. Wenn wir geduldig bleiben, obwohl wir gestresst sind. Wenn wir ein Nein aushalten. Wenn wir uns entschuldigen können. Wenn wir zeigen, dass nicht jeder Wunsch sofort erfüllt werden muss.
Als Lehrerin begleitet mich dieser Gedanke beinahe täglich. Die wichtigsten Lektionen stehen auf keinem Lehrplan. Sie entstehen mitten im Leben – beim Abendessen, am Frühstückstisch, im Supermarkt oder auf dem Heimweg von der Schule.
Vielleicht besteht Erziehung weniger darin, für jede Situation die perfekte Antwort zu finden. Vielleicht beginnt sie dort, wo Kinder erleben, wie Erwachsene mit dem ganz normalen Chaos des Lebens umgehen. Denn am Ende lernen Kinder nicht zuerst das, was wir ihnen sagen. Sie lernen das, was wir ihnen vorleben.
Und vielleicht gilt das nicht nur für Kinder. Auch wir Erwachsenen lernen voneinander – jeden Tag. Durch unser Verhalten. Durch unseren Umgang miteinander. Und manchmal sogar an einem ganz gewöhnlichen Frühstückstisch im Urlaub.
Eine Träumerin