Der beste Holzweg meines Lebens
Diese Woche war ich auf dem Holzweg. Normalerweise bedeutet diese Redewendung ja, dass man sich geirrt hat, eine falsche Entscheidung getroffen hat oder auf einem Weg gelandet ist, der nirgendwohin führt. Im schönen Mendlingtal ist das anders. Dort wird der Holzweg ausdrücklich empfohlen. Und ich kann versichern: Dieser Weg führt garantiert zum Ziel.
Es war wieder einer dieser heißen Sommertage. Einer, an denen man sich nach Abkühlung sehnt und gleichzeitig etwas unternehmen möchte. Ich bin einfach nicht der Typ, der mehrere Tage am Pool liegen und dabei zusehen kann, wie die Zeit vergeht. Ein bisschen Bewegung, Natur und etwas zu entdecken – das darf schon sein.
Also packte ich meinen Rucksack. Eine gute Jause, Sonnenschutz und eine Picknickdecke mussten mit. Gemeinsam mit einer Freundin machte ich mich auf den Weg ins Mendlingtal.
Der Themenweg „Auf dem Holzweg“ erzählt von einer Zeit, in der Holz die Lebensgrundlage vieler Menschen war. Von Holzknechten, Köhlern und Schmiedegesellen. Wir blieben vor den zahlreichen Schautafeln entlang des Weges stehen, die von ihrer Arbeit und ihren Lebensbedingungen erzählen. Und schnell wird klar: Das Leben damals war hart. Sehr hart.
Das Holz musste unter schwierigsten Bedingungen aus den Wäldern gebracht werden. Über Flüsse und Holztriftanlagen wurde es weitertransportiert, teilweise auf gefährliche Weise. Die Triftanlage im Mendlingtal ist heute die letzte erhaltene dieser Art in der Region und erinnert daran, wie eng die Menschen hier einst mit dem Wald und dem Wasser verbunden waren.
Der etwa 3,5 Kilometer lange Weg führt über Stege und Brücken, durch Schluchten und idyllische Auwälder. Schon beim Schmiedegesellenhaus am Dorfteich in Lassing kann man anhand einer Fotodokumentation einen Eindruck davon bekommen, wie die Schmiedegesellen und Holzknechte damals gelebt haben.
Es ist faszinierend – und gleichzeitig ein wenig beklemmend, sich vorzustellen, wie beschwerlich dieses Leben gewesen sein muss.
Aber dann übernimmt die Natur. Und plötzlich ist alles andere weit weg. Die klare, kühle Luft am Bach. Das frische Grün am Ufer. Das leise Plätschern des Wassers. Wir waren gerade erst durch eine Landschaft gefahren, in der die Wiesen von der Hitze schon braun und trocken waren. Hier dagegen schien eine andere Welt zu beginnen.
Eine grüne, kühle Welt, in die die Hitze des Tages kaum Zutritt hatte. In der kleinen Klamm wird es so schmal, dass nur wenig Sonne bis zum Wasser gelangt. An manchen Stellen öffnet sich der Blick und man kann hinauf zum Hochkar sehen.
Und wie so oft fasziniert mich das Wasser. Vielleicht, weil Wasser etwas sehr Unaufhaltsames hat. Es sucht sich seinen Weg. Es fließt, umgeht Hindernisse, gräbt sich durch Felsen und verändert Landschaften – langsam, aber beharrlich.
Hier im Mendlingtal wird besonders deutlich, welche Kraft das Wasser über Jahrhunderte hatte. Es formte Berge, Täler und Schluchten. Es ließ das Holz wachsen, das für die Eisenverarbeitung so wichtig war. Es trieb die Räder von Mühlen und Hammerwerken an und half dabei, die geschlägerten Baumstämme zu Kohlplätzen und Eisenwerken zu transportieren. Wasser, Holz und Menschen waren miteinander verbunden. Geschichte ist manchmal leichter zu verstehen, wenn man sie nicht nur liest, sondern auf einem Steg mitten durch sie hindurchgeht.
Beim Herrenhaus angekommen, gönnen wir uns erst einmal ein gutes Mittagessen. Schließlich gehört auch das zu einem gelungenen Ausflug.
Danach geht es weiter zur Großegger Quelle und zur dort noch funktionstüchtigen Mühle. Und plötzlich scheint das Wasser überall zu sein. Die Quelle tritt mit etwas mehr als fünf Grad aus dem Boden. Ein kleiner Wasserfall plätschert unter der Brücke hindurch. Rund um die Mühle mäandert das Wasser seinen Weg. Es gibt Trinkbrunnen, kleine Wasserräder und Holzstege, die zur sogenannten Walddusche führen. Wasser, soweit das Auge reicht.
Kinder halten ihre Köpfe unter die frische Dusche oder lassen sich mit dem kühlen Wasser bespritzen. Wir waten durch den Bach, kühlen unsere Füße und füllen unsere Wasserflaschen wieder auf.
Es braucht erstaunlich wenig, um mich an einem heißen Sommertag glücklich zu machen. Ein Bach. Schatten. Ein bisschen Wasser auf der Haut und Zeit.
Weil wir uns vom Wasser noch nicht trennen wollten, verbrachten wir die Abendstunden noch am Lunzer See. Das Wasser glitzerte in der Abendsonne und der Tag klang langsam aus.
Ich brauche gar keine großartigen Reisen. Ich liebe solche Tage. Tage, an denen man morgens noch nicht genau weiß, was der Tag bringen wird, und abends mit dem Gefühl nach Hause fährt: Das war ein guter Tag.
Vielleicht sollten wir uns überhaupt öfter auf den Holzweg machen. Nicht auf den falschen – sondern auf jene Wege, die uns hinaus aus dem Gewohnten führen. Dorthin, wo ein Bach plätschert, die Luft kühler wird und wir plötzlich merken, dass das Leben manchmal gar nicht so viel braucht. Nur einen Weg, einen lieben Menschen und ein bisschen Zeit.
Eine Träumerin