Die letzte Weintraube

Gestern hatte ich eine Freundin zum Frühstück eingeladen. Als Gastgeschenk brachte sie mir zwei große, prachtvolle Weintrauben mit. Zu meiner großen Freude waren es Muskatellertrauben. Ich liebe sie – diesen unverwechselbaren Geschmack, diese besondere Süße, die schon beim ersten Bissen nach Spätsommer schmeckt.
Und dann ist etwas passiert, das ich von mir gut kenne.
Im Laufe des Tages ging ich immer wieder zur Obstschale und zupfte mir eine Traube herunter. Und dann noch eine. Und noch eine. Zwischendurch, schnell, einfach nebenher. Beim Telefonieren, beim Aufräumen, beim Vorbeigehen. Eine hier, eine dort. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Ich habe sie gegessen, aber eigentlich habe ich sie nicht wirklich genossen.
Bis alle aufgegessen waren. Alle?
Heute in der Früh mache ich mein Frühstück und schaue in die Obstschale. Und da liegt sie: eine letzte, übersehene Traube.
Ich nehme sie in die Hand, betrachte sie mit einem Lächeln und genieße sie langsam. Und plötzlich muss ich feststellen: Sie schmeckt besser als alle Trauben gestern zusammen.
Warum? Weil ich gestern nicht wirklich genossen habe. Ich habe konsumiert.
Dieser kleine Unterschied beschäftigt mich seitdem. Wie oft mache ich Dinge nur nebenher? Ein Gespräch, während ich aufs Handy schaue. Ein Kaffee, während die Gedanken schon beim nächsten Termin sind. Wir nennen es Effizienz, aber oft ist es nur Hast.
Dabei wartet das Leben nicht irgendwo auf uns. Es ist genau hier: in einem echten Gespräch, in einer Tasse Kaffee oder eben in einer einzigen Muskatellertraube.
Jetzt im Herbst schenkt uns die Natur ihre Früchte in großer Fülle. Doch vielleicht geht es gar nicht darum, möglichst viel davon zu nehmen. Vielleicht geht es um die Kunst, innezuhalten, bevor wir nach dem Nächsten greifen. Um das Wissen, wann genug ist.
Die letzte Traube hat mich daran erinnert. Sie war nur eine einzige, aber ich habe sie wirklich geschmeckt.
Das ist meine Herbstlektion: Nicht alles, was uns das Leben schenkt, müssen wir schnell konsumieren. Manches möchte einfach nur bewusst gekostet werden.
Und was ist deine letzte Weintraube?   
Eine Träumerin