Warum wir nicht ändern, was wir längst erkannt haben

Bei unserer letzten Hausversammlung geschah etwas Merkwürdiges. Nicht laut, nicht dramatisch – eher so eine dieser kleinen Begebenheiten, die man fast überhört, wenn man nicht genau hinhört.
Jemand stellte die Frage in den Raum: „Was machen wir eigentlich mit dem Ficus?“ Ein guter, sachlicher Satz. Vernünftig. Naheliegend.
Ich hatte sofort eine Antwort. Eine sehr klare sogar: Entsorgen. Ich habe sie nur nicht ausgesprochen. Nicht aus Höflichkeit. Auch nicht aus Unsicherheit. Sondern aus einem ganz praktischen Grund: Ich hatte den leisen Verdacht, dass ich sonst am Ende selbst damit beauftragt worden wäre. Und obwohl wir einen Hausmeister haben, wollte ich das Risiko nicht eingehen. Also schwieg ich.
Und ich war nicht der Einzige. Der Satz blieb im Raum stehen. Niemand griff ihn auf. Kein Widerspruch, kein Vorschlag, Nichts.
Eine Woche später stand der Ficus immer noch da.
Aber nicht mehr ganz so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Jemand hatte ihn mit Papierblumen geschmückt. Man muss sich das vorstellen: ein toter Ficus – seit Jahren ohne ein einziges grünes Blatt – dekoriert mit bunten Blüten aus Papier. Sorgfältig angebracht. Fast liebevoll.
Ich blieb stehen und schaute ihn länger als sonst an. Und plötzlich war da diese leise Frage:
Warum steht dieser Ficus eigentlich noch hier? Die wahrscheinlichste Antwort ist die einfachste: Weil er schon immer da stand. Vielleicht ist dieser Ficus für andere kein Problem, sondern ein vertrautes Stück Hausgeschichte.
Aber wenn ich ehrlich bin: Für mich ist er vor allem eines – ein Beispiel.
Ein Beispiel für Dinge, Gewohnheiten, Abläufe, die längst keinen wirklichen Sinn mehr haben – die mich vielleicht sogar belasten – und die ich trotzdem beibehalte. Nicht aus Überzeugung, sondern weil sie sich eingeschlichen haben. Weil sie vertraut sind. Weil ich mich nicht darum kümmere.
Und da wurde es plötzlich unangenehm nah.                                 
Denn ich habe in den letzten Wochen etwas erlebt, das mich ins Nachdenken gebracht hat. In der Fastenzeit habe ich mein Leben ein wenig heruntergefahren. Weniger Termine. Weniger Lärm. Weniger Ablenkung. Kein radikaler Rückzug, eher ein „Retreat light“.
Mein Tinnitus wurde leiser, so als würde jemand im Hintergrund die Lautstärke ein Stück zurückdrehen, ohne dass ich genau sagen könnte, wann es passiert ist.
Ich war zuerst erleichtert und dann wurde ich nachdenklich: Lebe ich eigentlich so, dass es mir guttut? Wenn es so einfach ist, dass es leiser wird – mache ich etwas falsch?
Ich kenne meine Hörbeeinträchtigung. Ich weiß um meine Grenzen. Und doch gestalte ich meinen Alltag oft so, als würden sie nicht gelten. Ich fülle meine Tage, halte Geräusche aus, gehe über Signale hinweg, die mein Körper mir längst schickt. Nicht, weil ich es nicht besser wüsste. Sondern weil ich es so gewohnt bin.
Wir alle haben solche Dinge. Kleine Rituale, die uns nicht guttun. Gewohnheiten, die wir nicht hinterfragen. Strukturen, die wir beibehalten, weil sie vertraut sind. Etwas, das einmal Sinn hatte. Das gewachsen ist, sich etabliert hat. Und das jetzt einfach weiterläuft – obwohl es uns längst nicht mehr dient. Und manchmal dekorieren wir sie sogar noch. Mit kleinen Rechtfertigungen. Mit guten Gründen. Mit Papierblumen. Damit sie nicht ganz so tot aussehen.
Ich habe mein Wohnzimmer nach diesen Wochen nicht als neuer Mensch verlassen. Keine große Verwandlung. Keine spektakulären Erkenntnisse. Aber eine Einsicht ist geblieben: Es lohnt sich, hinzuschauen. Und der Ficus steht mit seinen Papierblumen immer noch im Stiegenhaus. Und ich gehe an ihm vorbei – ein wenig langsamer als früher.
Eine Träumerin