Groß. Größer. Ich.
Letzten Sommer fand bei mir das große Entrümpeln statt. Es war höchste Zeit.
Mich hat regelrecht erschreckt, was sich in den letzten Jahrzehnten alles angesammelt hatte. Kästen voller Dinge, die ich kaum benutzte, Laden, die man kaum noch schließen konnte, Gegenstände, bei denen ich mich fragte: „Warum habe ich das überhaupt gekauft?“ Und wie erleichtert ich mich danach fühlte.
Als ich durch meine aufgeräumte, luftige Wohnung ging, hatte ich tatsächlich das Gefühl, eine Last abgeworfen zu haben. Plötzlich war wieder Platz da. Nicht nur in den Regalen, sondern auch im Kopf. Ich war hochmotiviert und fest entschlossen: So weit lasse ich es nie wieder kommen. Ich stellte sogar einen Putzplan auf. Und bei jedem Einkauf fragte ich mich bewusst: „Brauche ich das wirklich?“ Zumindest am Anfang.
Dann passierte das, was wahrscheinlich vielen passiert: Das Leben kam dazwischen.
Ich wischte nicht mehr nach jeder Benutzung das Waschbecken ab. Die Ablagen blieben nicht mehr frei. Kleidung landete wieder auf dem Bett statt im Schrank. Und auch beim Einkaufen war ich plötzlich nicht mehr ganz so achtsam wie in den ersten Monaten nach meiner großen Entrümpelungsaktion.
Ein kleines Beispiel zeigt das ziemlich gut. Im Sommer hatte ich einen riesigen fünfzehn Liter großen Suppentopf aussortiert. Ich hatte ihn genau einmal benutzt und beim Weggeben nur den Kopf geschüttelt. Was hatte ich mir damals bloß gedacht, als ich dieses Monstrum gekauft hatte? Leider habe ich daraus überhaupt nichts gelernt.
Ein paar Monate später erzählte mir eine Freundin begeistert vom neuen Airfryer ihrer Tochter. Wie knusprig der Lachs darin werde, wie gut das Gemüse schmecke und welche tollen Rezepte es dafür gäbe. Das ließ mich völlig kalt. Ich dachte nur:
„Was für mich der Thermomix ist, ist für die junge Generation eben der Airfryer.“
Sechs Wochen später besuchte ich meine Schwester. Und was stand plötzlich in ihrer Küche? Ein Airfryer. Natürlich musste ich sofort fragen, wie zufrieden sie damit sei. Und dann begann sie begeistert zu erzählen. Wie gut das Fleisch darin werde. Dass inzwischen sogar ihr Mann freiwillig in der Küche stehe und koche. Sie könne das Gerät nur weiterempfehlen. Und genau in diesem Moment hatte es mich erwischt.
Kaum war ich wieder zu Hause, begann ich im Internet nach Airfryern zu suchen. Und natürlich kam nicht irgendein Gerät infrage. Nein. Wenn schon, dann der beste.
Und am besten gleich der größte. Heute bin ich stolze Besitzerin eines 10,5-Liter-Airfryers mit Keramikbeschichtung. Ein völliger Fehlkauf. Ich benutze selten meine Pfanne und noch seltener mein Backrohr. Warum also brauche ich ein Gerät in dieser Größe? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.
Und genau das beschäftigt mich inzwischen. Warum mache ich so etwas? Warum habe ich zuerst einen riesigen Suppentopf aussortiert, nur um kurze Zeit später einen fast ebenso überdimensionierten Airfryer zu kaufen? Und warum muss es eigentlich immer groß sein?
Diese Frage lässt mich seitdem nicht mehr ganz los. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, dass sich dieses Muster durchzieht. Selbst als ich begann, meinen Haushalt plastikfreier zu machen, kaufte ich wieder großzügig ein: große Holzbretter, große Kochlöffel, große Vorratsbehälter.
Offenbar gibt es in mir ein kleines inneres Programm, das Größe automatisch mit „besser“ verbindet. Zum ersten Mal in meinem Leben ist mir dieses Muster wirklich bewusst geworden. Vielleicht ist das ja der erste Schritt. Denn wahrscheinlich beginnt Veränderung genau dort: nicht beim perfekten Vorsatz, sondern bei der ehrlichen Erkenntnis:
„Interessant. Das mache ich offenbar immer wieder.“