Eine Woche vor Schulbeginn

Der Lehrplan meines Lebens

Die letzte Ferienwoche ist angebrochen. Auf meinem Schreibtisch liegen Lehrpläne, daneben meine Jahresplanungen für die Klassen. Ich überlege, welche Themen ich meinen Schülerinnen und Schülern in diesem Schuljahr vermitteln möchte, welche Inhalte wichtig sind und was am Ende des Jahres vielleicht hängen geblieben sein wird.
Und während ich so vor meinen Unterlagen sitze, schweifen meine Gedanken plötzlich ab. Ich frage mich, was eigentlich auf dem Lehrplan meines eigenen Lebens gestanden hat. Was habe ich gelernt? Was habe ich längst verstanden? Und bei welchen Dingen bin ich vielleicht immer noch mitten im Lernprozess?

 

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, dass es die wirklich wichtigen Lektionen wohl gar nicht in einem Schulbuch gibt. Eine davon heißt für mich heute: Zeit ist das Wertvollste, was wir besitzen. Das habe ich nicht aus einem Buch gelernt, sondern aus dem Leben.
Ich habe meine Zeit eigentlich schon immer gerne mit den Menschen verbracht, die mir wichtig sind. Als meine Patenkinder klein waren, habe ich die Ferien mit ihnen genutzt. Ein Ausflug wurde nicht auf später verschoben, ein Abenteuer nicht auf irgendwann. Vielleicht hatte ich schon damals dieses Gefühl, dass die Zeit schneller vergeht, als wir glauben.
Heute weiß ich es. Wie dankbar bin ich zum Beispiel für einen ganz unscheinbaren Weihnachtstag mit meinem Vater. Ich habe mir damals von Mittag bis zum Abend Zeit genommen, um mit ihm und seiner Familie zusammenzusitzen, zu plaudern und einfach beieinander zu sein. Es war nichts Besonderes geplant. Kein großes Ereignis. Einfach gemeinsame Zeit. Zwölf Stunden später war mein Vater tot. Ein Herzinfarkt. Er wurde 81 Jahre alt.
Seitdem weiß ich noch viel deutlicher: Später ist nicht selbstverständlich. Wir glauben so oft, dass wir etwas irgendwann nachholen können. Den Besuch. Das Gespräch. Den Ausflug. Die gemeinsame Zeit. Wenn es ruhiger wird. Wenn wir mehr Zeit haben. Wenn die Kinder größer sind. Wenn wir weniger arbeiten müssen. Aber manchmal kommt dieses Später nicht.
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lektionen, die ich in meinem Leben gelernt habe: Das Leben wartet nicht auf den richtigen Zeitpunkt. Es findet währenddessen statt.
Eine andere Lektion heißt für mich: Träume dürfen groß sein. Auch das musste ich selbst erst lernen.
Nach meinem Schulabschluss wollte ich unbedingt ein Jahr ins Ausland gehen und ein freiwilliges soziales Jahr machen. Ich hatte diesen Wunsch ganz klar vor Augen. Dann kam eine sichere Arbeitsstelle, die damals vernünftig erschien. Ich entschied mich dafür und ließ meinen Traum los.
Heute frage ich mich manchmal, wie dieses Jahr wohl gewesen wäre. Vielleicht wäre es großartig geworden. Vielleicht wäre ich nach ein paar Monaten wieder nach Hause gekommen. Vielleicht hätte es mein Leben verändert. Vielleicht auch nicht. Ich werde es nie erfahren.
Aber ich weiß heute, dass wir unsere Träume manchmal viel zu schnell gegen Sicherheit und Vernunft eintauschen. Und dass nicht alles, was vernünftig aussieht, automatisch das Richtige für uns sein muss.
Mein eigenes Leben hat mich auch gelehrt, dass es nicht den einen richtigen Lebensentwurf gibt.
Ich hatte nie das Bedürfnis, mein Leben nach einer vorgegebenen Vorstellung zu gestalten. Mann, Kinder, Haus und Garten – für viele Menschen ist das genau das, was sie sich wünschen. Für mich war es das nie. Freiheit und Unabhängigkeit waren mir immer wichtig. Das haben nicht alle verstanden.
Aber irgendwann habe ich aufgehört, mein Leben danach zu beurteilen, ob es von außen in irgendeine Schablone passt. Ich habe gemerkt, dass ein Leben nicht deshalb richtig ist, weil es den Vorstellungen anderer entspricht. Es muss sich für den Menschen, der es lebt, stimmig anfühlen.
Vielleicht ist das überhaupt eine der schönsten Erkenntnisse, die man irgendwann gewinnen kann: Wir müssen nicht alle denselben Weg gehen.
Und während ich hier vor meinen Lehrplänen sitze, denke ich, dass genau diese Dinge eigentlich viel wichtiger sind als so manches, was auf einem Stundenplan steht. Zu wissen, dass Zeit kostbar ist. Den Mut zu haben, einen eigenen Traum ernst zu nehmen. Und irgendwann den eigenen Weg zu erkennen – auch wenn er anders aussieht als der der anderen.
Das sind Lektionen, für die es keine Schularbeit gibt. Und vielleicht lerne auch ich davon noch jeden Tag etwas dazu.
Eine Träumerin